ALSFELD (gsi). "Rohstoffe für eine gerechte Welt" - ein Thema, das so vielschichtig ist wie die Vielzahl der vom Westen aus über 50 Entwicklungsländern importierten Rohstoffe, auf die die Weltwirtschaft angewiesen ist, und eines, das in viele Bereiche des Lebens hier wie in den Ländern des Südens greift. Dieser Frage nimmt sich nun der Weltladen Alsfeld mit einer Wanderausstellung an, die am Donnerstagabend in der Max-Eyth-Schule eröffnet wurde und bis zum 31. März dort von 9 bis 15 Uhr der Öffentlichkeit zugänglich ist.
Hildegard Maaß vom Alsfelder Weltladen begrüßte zur Ausstellungseröffnung neben den Gästen auch eine versierte Referentin: Mit der Ethnologin Dr. Ute Greifenstein vom Zentrum Ökumene der evangelischen Kirche Hessen-Nassau in Frankfurt hatte man eine engagierte Rednerin gewonnen, die nicht nur den Hunger nach Rohstoffen eindrücklich skizzierte, sondern auch an die Verbraucher appellierte, mit ihrem eigenen Verhalten Einfluss auf die ökologischen und die oftmals vernachlässigten sozialen Aspekte zu nehmen. Obwohl die Fotos der Ausstellung sehr ästhetisch seien, fand die Beauftragte für "Brot für die Welt" die Ausstellung nicht schön. Vielmehr solle sie den Betrachter nachdenklich machen und zu Konsequenzen anregen.
"Rohstoffe benutzen wir alle" - mit einem Blick auf sich selbst startete Dr. Greifenstein ihren Vortrag: eine Jeans aus Baumwolle, vielleicht irgendwo eine elastische Faser aus Erdöl, aus dem auch viele Farben hergestellt werden, Goldschmuck vielleicht und ein Handy, das nur mit Tantalit oder Coltan funktioniert. "Wir benutzen Rohstoffe - auch Benzin für unsere Autos oder den Kaffee, der uns morgens fit macht - mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass wir sie fast nicht mehr wahrnehmen." Ebenso wenig wie die Tatsache, dass diese Stoffe nicht aus Ländern der EU stammten, sondern vielfach aus Ländern, in denen Menschen unter erbärmlichen Bedingungen den hiesigen Reichtum förderten und in keiner Weise davon partizipierten.
So gehe es in dieser Ausstellung nicht nur um die Umweltproblematik, sondern auch um das Thema der Missachtung elementarer Menschen- und Arbeitsrechte. Was für uns ein Segen sei, nämlich die nachwachsenden Rohstoffe, sei für die Menschen in den Herkunftsländern oft ein Fluch: Kriege in afrikanischen Ländern drehten sich um Diamanten, Erdöl oder das begehrte Coltan. Die illegale Ausbeutung von Rohstoffreserven finanziere selbst ernannten Kriegsführern ihr Tun.
Der Hunger nach Rohstoffen wachse ungebremst, besonders der Bedarf nach Energiepflanzen wie Soja, Zuckerrohr, Palmöl und Raps zur Gewinnung von Biodiesel oder Bioethanol. Bei einer Anzahl von über einer Milliarde hungernder Menschen seien die Landnahmen ausländischer Konzerne zum Anbau von Energiepflanzen jedoch nicht akzeptabel. Die Forderungen der Referentin waren demnach, dass neben Umweltaspekten auch das Menschenrecht auf Nahrung seinen Niederschlag bei den Zertifizierungen finde sowie Normen zum Arbeitsschutz und Rechte der Bevölkerung. Darüber hinaus forderte Dr. Ute Greifenstein, internationale Standards bei der Landvergabe zu beachten. Die Bevölkerung müsse angemessen beteiligt und ihre traditionellen Nutzungsrechte müssten gesichert sein.
Auch auf die Rohstoffinitiative der EU ging die Referentin in ihrem Forderungskatalog ein: Das Ziel, den EU-Mitgliedern ungehinderten Zugang zu Ressourcen zu verschaffen, gehe mit dem Versuch der EU einher, die Entwicklungsländer dazu zu bringen, Restriktionen zum Schutz der eigenen Wirtschaft aufzuheben. Die EU-Forderung nach ungehindertem Kapitalfluss führe dazu, dass Investoren ihre Gewinne uneingeschränkt ins Ausland transferieren könnten. Zahlreiche Non-Governmental Organizations forderten hingegen, dass die gerechte Nutzung der weltweiten Ressourcen eine nachhaltige Entwicklung für alle fördern solle.
Was kann der Verbraucher tun? Die Expertin riet dazu, kein E10 zu tanken. Zudem solle man sich für erneuerbare Energien und das Recycling von Rohstoffen einsetzen. Außerdem rief sie dazu auf, "Brot für die Welt" oder "Misereor" zu unterstützen. Ihr Fazit: "Verbraucher haben Verantwortung und Macht."
Wie vielschichtig die Problematik der Rohstofflieferungen aus den Entwicklungsländern ist, zeigt die Ausstellung in eindrucksvollen Bildern mit Infotafeln: Über die Bedeutung von Edelsteinen zur Kriegsführung, die Ausbeutung von Kindern und Erwachsenen beim gefahrvollen Abbau von Diamanten und Gold oder auch Uran und Erdöl, die Abholzung des Regenwaldes zur Gewinnung von Holz und Ackerflächen - es wird dem Betrachter mehr als deutlich, dass ökologische und soziale Aspekte eng verzahnt sind.
Text Oberhessische Zeitung vom 26.03.2011