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2010

DaF ist keine Automarke und Chinesen kennen keine Nebensätze

"Mir wird jetzt erst deutlich, warum manche meiner ausländischen Schülerinnen und Schüler so ticken, wie sie ticken", schießt es einer Alsfelder Pädagogin nach dem ersten Seminartag Deutsch als Fremdsprache (DaF) durch den Kopf.

 

Zwei intensive Tage zum Deutschunterricht als Zweitsprache an der Max-Eyth-Schule

 

Dr. Ines Hoffmann, Dozentin an der TU Darmstadt und Autorin vieler fachwissenschaftlicher Artikel zum Thema Deutsch als Fremdsprache, berichtete einer Gruppe von 12 Pädagoginnen und Pädagogen der Max-Eyth-Schule an zwei Tagen von ihren Erfahrung beim Deutschunterricht mit Lernern aus aller Herren Länder.

Ging es am ersten Seminartag zunächst um Grundlagen und Methoden des Zweitsprachenerwerbs wurden am zweiten Tag Lehrwerke, Lernumgebung und Lernertypen in praktischen Übungen analysiert. Es wurde ein Lehrplan für Deutsch als Zweitsprache an der MES auf den Weg gebracht, der sich am gemeinsamen europäischen Referenzrahmen orientiert und damit diese das Profil der Alsfelder Europaschule um einen weiteren wichtigen Aspekt ergänzt.

Gefahr der doppelten Halbsprache droht

Dr. Hoffmann betonte, dass die meisten Deutschlerngruppen in der Bundesrepublik eine sehr große Heterogenität aufweisen. Entscheidend beim Zweitsprachenerwerb im Zielland seien neben sozialer Herkunft und kognitiver Fähigkeiten vor allem Selbstmotivation und das Wohlfühlen im neuen Land. Der tägliche aktive sprachliche Gebrauch des Deutschen beeinflusse den Spracherfolg positiv. Oft zu beobachten, so die Dozentin, seien in den letzten Jahren allerdings Schülerinnen und Schüler mit doppelter Halbsprache, das heißt mit dem Problem, weder die eigene Muttersprache, noch die Zielsprache korrekt und angemessen zu beherrschen.

Neuronale Netze sprachbestimmend

Ausgehend von der Tatsache, dass die Ausbildung des neuronalen Netzes von Kindern beim Erwerb der Muttersprache bis zum vierten Lebensjahr über die Qualität der späteren sprachlichen Kompetenz entscheidet, informierte die Referentin über Grundlagen und Phasen des Zweitsprachenerwerbs.

Der sogenannte nachzeitliche Sprachenerwerb junger Erwachsener stütze sich nämlich auf die in der Kindheit entwickelten neuronalen Netze der Muttersprache und sei außerdem noch abhängig von einer Vielzahl weiterer Faktoren:

Wie ähnlich ist die Muttersprache der Zielsprache? Mit welchen phonetischen und grammatikalischen Problemen müssen die Pädagogen rechnen?

Immer wieder brachte Dr. Hoffmann dabei ihre eigenen Erfahrungen aus mehr als 30 Jahren Deutschunterricht für Ausländer in ihren Vortrag ein. Wichtig sei es für alle Unterrichtenden in diesen Klassen, Kenntnisse über die Muttersprachen und Kulturen der Lerngruppe zu haben, um sprachliche Klippen schon im Vorfeld möglichst elegant zu umschiffen.

Deutsche Konsonanten wie eine Mischung aus Kieselsteinen und Glasscherben

So gäbe es in der chinesischen Sprache keine Relativsätze, im Türkischen keine Präpositionen und eine völlig andere Wortordnung. "Ich einen Döner esse" sei auf Türkisch völlig korrekt. Geduld und Kontrolle der eigenen Sprache seien deshalb bei den Lehrkräften außerordentlich wichtig, denn sie fungieren als phonetisches Vorbild beim Spracherwerb der jungen Erwachsenen.

Besonders für tonale Muttersprachler würde sich der Klang der ersten Sätze Deutsch anfänglich wie das Knirschen einer Mischung aus Glasscherben und Kieselsteinen anhören.

Keine leichte Aufgabe für die Lehrerinnen und Lehrer der Max-Eyth-Schule, die derzeit etwa 25 Deutschanfängerinnen und Anfänger aus mehr als 10 verschiedenen nichteuropäischen Nationen unterrichten, auch aus Ländern mit anderen Alphabeten.

Zusätzliche Lehrkräfte und Stundenentlastung notwendig

Bemängelt wurde in diesem Zusammenhang von der Lektorin und den Alsfelder Pädagogen, dass das hessische Kultusministerium den Unterricht von zwei Lehrkräften gleichzeitig in solchen Klassen, etwa zur individuellen Förderung nicht mehr vorsehe. Kritisiert wurde, dass eine Stundenentlastung für Zusatzarbeit nicht vorgesehen sei, die Arbeitsbelastung hingegen durch die Einführung rein mathematischer Personalschlüssel weiter zugenommen habe.

Ohne Deutschkenntnisse keine Integration

Eine erfolgreiche Integration der jungen Leute ist aber immer an gute Deutschkenntnisse gebunden und hängt damit unmittelbar von der Qualität des Deutschunterrichts ab.

Dr. Hoffmann wies darauf hin, dass ein moderner Fremdsprachenunterricht Deutsch auf dem pragmatisch funktionalen Konzept basiere, das sich ausgehend von der Sprechakttheorie an Alltagssituationen und authentischen Texten orientiere. Für den Unterrichtenden sei es sehr wichtig, sich an den Bedürfnissen der Lerngruppe zu orientieren und auch die eigene Sprache an die Möglichkeiten der Deutschanfänger anzupassen.

Europäisches Sprachenportfolio für DaF an der MES

Die Max-Eyth Schule hat in den letzten 10 Jahren mehr als 150 jungen Menschen mit Migrationshintergrund das sprachliche Rüstzeug für eine gute Zukunft in Deutschland auf den Weg gegeben und nimmt nun auch eine Zertifizierung auf Basis des europäschen Sprachenportfolios in Angriff.

Lehrmaterialien und Unterrichtinhalte sollen sich im nächsten Schuljahr bereits an den Stufen A1 bis B1 des europäischen Referenzrahmens orientieren und den erfolgreichen Absolventen der Alsfelder DaF-Klassen damit ein europaweit gültiges Sprachenzertifikat ermöglichen.

Getragen wird diese Initiative dabei größtenteils vom Idealismus und Engagement der unterrichtenden Lehkräfte, denn Entlastungsstunden für solche Zusatzarbeit gibt es nicht.

Lektorin und Teilnehmer waren sich einig, dass eine gute sprachliche Integration ausländischer Mitbürgerinnen und Mitbürger durch die genannten Sparmaßnahmen der Landesregierung behindert wird. Von der vorherigen Landesregierung versprochene Fortbildungen wurden auf Eis gelegt und bis jetzt nicht wieder aufgegriffen.

Dabei sollte doch eins klar sein: "Je mehr Menschen auf dieser Welt gut Deutsch sprechen und schreiben können, desto weniger Missverständnisse und Vorurteile gibt es gegenüber unserem Land".

16.03.2010 Text und Bild Stefan Steiner