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2006

Tagung "Mit Professionalität, Erfolg und Persönlichkeit in die Zukunft"

Der Referent: Dr. Johannes Becker vom Marburger <br />Zentrum für Konflikt- und Friedensforschung

"Wir müssen Globalisierung in unserem Sinn steuern"

Pressespiegel: Oberhessische Zeitung vom 30.03.2006

"Wenn wir auf Dauer in Frieden auf der Welt leben wollen, müssen wir einen Ausgleich erreichen zwischen Arm und Reich". Dies gab der Marburger Privatdozent und Geschäftsführer des Zentrums für Konflikt- und Friedensforschung, Dr. Johannes Becker, Schülern gestern Morgen in der Aula der Max-Eyth-Schule mit auf den Weg. Becker war als Referent für die Tagung "Mit Professionalität, Erfolg und Persönlichkeit in die Zukunft" geladen.

Die Klasse 12 der Berufsfachschule zur Ausbildung von Assistenten im Fremdsprachensekretariat hat die Tagung zusammen mit ihrer Ausbilderin Rosemarie Volkmar  organisiert, und sie leiteten auch die Workshops, die sich an den Vortrag des Privatdozenten anschlossen. Einer dieser befasste sich mit der Steuerung von Meetings anhand verschiedener Kommunikationsmodelle. Thema des zweiten Workshops war die Portfolioarbeit in der Ausbildung, in dem der Lernprozess der Auszubildenden erfasst werden kann, aber auch wie ein gutes Ausbildungsportfolio aussehen sollte. Der dritte Workshop griff das Referatsthema noch einmal auf. Seine Teilnehmer behandelten "Außenhandelsgeschäfte im Kontext der Globalisierung".

Anschließend stellten Schüler der Hans-Viessmann-Schule aus Bad Wildungen in zwei Vorträgen Verhandlungsstrategien im Ausland und die weltweite Organisation von Knochenmarktransplantationen vor. Becker stellte in seinem Referat zum Thema "Globalisierung - Arbeitsmarkt und Zukunftschancen. Wer sind die Gewinner?" dar, dass die Globalisierung ein durchaus "positiver Prozess sein kann, den wir steuern müssen, damit die Erde lebenswerter wird". Zwar sei die derzeitige Entwicklung der "Welt nicht sonderlich gut", schließlich lägen 80 Prozent des Reichtums bei 20 Prozent der Weltbevölkerung in Europa, Nordamerika, Australien, Neuseeland, Japan und den Tigerstaaten Asiens. "Das Problem der armen Länder wurde durch die Globalisierung sogar noch verschärft", verdeutlichte Becker, der die Schüler immer wieder in seinen Vortrag mit einbezog. Als Beispiele führte er den Wirtschaftsprotektionismus und die Subventionen der reichen Länder für Zucker und Baumwolle an. "Beim weißen Zucker subventioniert der Westen die Differenz zwischen dem Produktionspreis von 640 Euro pro Tonne und dem Weltmarktpreis von 328 Euro pro Tonne." Die Folge sei, dass brauner Zucker aus Entwicklungsländern keine Abnehmer fände. Becker führte an diesem Beispiel auch aus, wie Globalisierung positiv gewendet werden könne. "Wir sollten die Zuckerproduktion langsam aber stetig in Deutschland auf Null zurückführen und auf den Flächen stattdessen Biomasse anbauen". Als Folge würde Deutschland fast vollständig unabhängig von Erdöl, und in den Zucker produzierenden Entwicklungsländern stiege gleichzeitig der Wohlstand. Beides seien Faktoren, um Konflikte und Kriege zu verhindern. "Wirtschaftliches Wachstum in armen Ländern ist das beste Mittel gegen Terrorismus. Gegen Terroristen hilft keine noch so große Armee", betonte der Friedensforscher eindringlich.

Dieses Wissen sei bei den Politikern durchaus schon angekommen, so Becker auf Nachfrage einer Schülerin, doch dem "steht der Einfluss von Industrie und Verbänden gegenüber, der immens ist, manchmal sogar bis zur Erpressung reicht". Allerdings riet Becker den Schülern auch, sich von "der Verunsicherungsstrategie der Industrie nicht ins Bockshorn jagen zu lassen". Der Anteil der ins Ausland verlagerten Produktion liege in Deutschland im einstelligen Prozentbereich. "Die Verunsicherung ist größer als das Problem selbst." Schlimmer sei für ihn, dass die großen Konzerne "riesige Gewinne einstreichen und keine Steuern dafür zahlen". Deshalb kann er der so genannten Tobin-Steuer auf Spekulationsgewinne einiges abgewinnen. "Deutschland könnte dadurch 100 Milliarden Euro jährlich einnehmen, das ist fast doppelt so viel wie alle westlichen Staaten pro Jahr für Entwicklungshilfe ausgeben." Eine Lanze brach Becker dafür, sich Organisationen anzuschließen, die den "Politkern auf die Füße treten." Das können Nicht-Regierungs-Organisationen, amnesty international, der BUND, aber auch Gewerkschaften sein, Hauptsache man kämpfe gemeinsam.

Text und Foto: Oberhessische Zeitung vom 30.03.2006, H. Irek