Alsfeld, 11. Juli 2006 (BKK) - Der Trend ist gleichermaßen deutlich wie erschreckend: immer mehr Kinder und Jugendliche - überwiegend Mädchen aber zunehmend auch Jungen - leiden unter einer Essstörung. Unter dem Motto "Essstörungen erkennen und intervenieren" fand für die Lehrkräfte der Max-Eyth-Schule in Alsfeld eine Lehrerfortbildung statt. Die Veranstaltung wurde vom Landesverband der Betriebskrankenkassen in Hessen organisiert und finanziert und ist Bestandteil des - vom Hessischen Kultusministeriums geschaffenen - Netzwerkes "Schule&Gesundheit“. Regina Spellerberg vom BKK Landesverband Hessen begrüßte die siebzehn anwesenden Lehrerinnen und Lehrer mit den Worten: "Magersucht ist ebenso wie die Ess-Brech-Sucht und die Ess-Sucht keine Pubertätskrise, die sich mit zunehmender Reife von selbst erledigt, kein Schlankheitstick, der durch Strafen oder gutes Zureden wieder aufgegeben wird. Essstörungen sind schwere psychosomatische Erkrankungen mit Suchtcharakter. Sie vergehen nicht von allein und können auch nicht selbst geheilt werden. Und wichtiger noch: sie lösen immense Folgekrankheiten aus.“ Die eingeladene Referentin, Gisela Graf-Scheffl vom Frankfurter Zentrum für Essstörungen, überzeugte durch ein hohes Maß fachlichen Wissens und langjähriger praktischer Erfahrungen im Umgang mit Essgestörten. Essstörungen in den Erscheinungsformen der Magersucht, der Ess-Brech-Sucht und der Ess-Sucht wurden von der Kinder- und Jugendpsychotherapeutin anschaulich erklärt. So zauberte sie aus dem Koffer auch sogleich die umschwärmte "Barbie" hervor. Das Idol seit Generationen aller kleinen Mädchen: schön, schlank und von allen geliebt. Nun wäre aber schlecht beraten, wer glaubt, dass die Magersucht lediglich ein Schlankheitstick der jungen Mädchen ist und deshalb das Essen verweigert wird. Genauso falsch liegt der, der glaubt, Mädchen erbrechen bis zu 15 mal am Tag, nur um überflüssige Kalorien und Pfunde loszuwerden. "Essstörungen sind Reaktionen auf emotionale Störungen und diese gilt es zu knacken“, erklärt Graf-Scheffl. Egal um welche Erscheinungsform der Essstörung es sich handelt, alle haben eines gemeinsam: der gesamte Tagesablauf der Betroffenen wird vom Essen oder Nichtessen beherrscht. Und anders als bei anderen Suchterkrankungen, kann man das Suchtmittel "Essen" nicht einfach weglassen. Die Gründe und Ursachen des Hungerns, des Erbrechens oder unkontrollierter Essattacken sind vielschichtig. Zukunftsängste und Sorgen, familiäre Probleme, fehlendes Selbstwertgefühl, soziales Umfeld und gesellschaftliche Überforderung. Das oftmals angeschlagene Selbstwertgefühl pubertierender Jugendlicher kann dem heutigen gesellschaftlichen Schönheitsideal, das die Werbung täglich vorlebt, kaum widerstehen. Essstörungen bleiben häufig über Monate, manchmal Jahre unentdeckt. Der Ausstieg aus der Krankheit dauert aus therapeutischer Sicht zwei bis fünf Jahre und kann auch nur mit einem Team aus Betroffenen, Arzt, Diätassistent, Psychotherapeut und Physiotherapeut bewältigt werden. Graf-Scheffl zeigte auch Präventionsmöglichkeiten auf, die im Unterricht zum Einsatz gebracht werden können. Die Frage nach der Rolle des Lehrers kommentierte Graf-Scheffl sehr treffend: "Wir haben als Lehrer oder Freund oder auch Angehöriger das Recht und die Pflicht unsere Sorge dem Betroffenen gegenüber zum Ausdruck zu bringen“. Bei der abschließenden Seminarkritik waren die Teilnehmer voll des Lobes für die Referentin. Ihr Dank ging auch an die BKK, die das Seminar überhaupt erst ermöglichte.
Hintergrundinformationen zu Essstörungen
In Deutschland ist mittlerweile jede vierte Frau - in unterschiedlicher Ausprägung - essgestört. Zu den Erscheinungsformen von Ess-Störungen gehören Magersucht (Anorexia nervosa), Ess-Brechsucht (Bulimia nervosa) und Ess-Sucht (Adipositas). 90 Prozent aller Essgestörten in Deutschland sind Frauen, 10 Prozent sind Männer. Nicht nur pubertierende Jugendliche (Altersgruppe 9-15 Jahre) sind von der Krankheit betroffen. Auch in der Altersgruppe zwischen 15 und 20 Jahren – in der Zeit der Selbstfindung und der Abnabelung vom Elternhaus – können Essstörungen sehr plötzlich und massiv auftreten. Eine dritte kleinere Gruppe erkrankt nach dem 25. Lebensjahr. Die Magersucht ist gekennzeichnet durch den inneren Zwang, das Gewicht unaufhörlich zu reduzieren. Die Betroffenen sind teilweise bis zum Skelett abgemagert, es kann zu einer akuten Lebensgefährdung kommen. Die Ess-Brech-Sucht zeichnet sich dadurch aus, dass restriktives Essverhalten von unkontrollierten Essattacken unterbrochen wird. Die Betroffenen entledigen sich der großen Nahrungsmenge anschließend durch selbstprovoziertes Erbrechen.
Die Ess-Sucht scheint weniger beunruhigend, da sich ihre Auswirkung erst in späteren Jahren in Form von Adipositas deutlich macht. Die massiven Probleme, die dahinter stehen und zur suchthaften Bedürfnisbefriedigung in Form von ständigem Überessen oder von Ess-Anfällen führen, werden häufig nicht gesehen. Essgestörte Menschen benötigen häufig Hilfe von Ärzten, in der Regel auch von Psychologen und Psychotherapeuten. Magersüchtige suchen diese Hilfe in der Regel nicht von selbst, denn sie empfinden ihre Essstörung meistens nicht als Krankheit. Im Gegenteil: Mit ihrem Essverhalten und der Kontrolle, die sie über ihren Körper ausüben, erleben sie Selbstwert, Unabhängigkeit, Zuwendung – all das, was ihnen vielleicht fehlte. Bulimische und adipöse Frauen suchen häufig aus Scham- und Schuldgefühlen keine Hilfe. Ihr unkontrolliertes Essverhalten löst negative und entwertende Gefühle sich selbst gegenüber aus.
Rat und Unterstützung benötigen aber auch die Angehörigen von Essgestörten, denen oftmals der persönliche Zugang zum Betroffenen vollkommen verwehrt bleibt. Neben den Möglichkeiten des professionellen Gesundheitswesens bieten örtliche Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen vertrauensvolle Hilfe. Abschließend noch eine wertvolle Web-Adresse für Betroffene: www.essfrust.de ist eine online-offline Beratung die wertvolle Tips und Ratschläge gibt, einen Chat anbietet und online-Sprechstunden mit Fachleuten vereinbart werden können.
Kontaktadresse
BKK Landesverband Hessen, Stresemannallee 20, 60596 Frankfurt am Main,
Tel.: (0 69) 9 63 79-0, Fax: 9 36 79-3 00
Regionalbüro Mittelhessen, Nauborner Str. 49, 35578 Wetzlar,
Tel.: (0 64 41) 92 12 31, Fax: 92 12 32,
Ansprechpartnerin: Regina Spellerberg,
E-Mail: buero-wetzlar(at)bkk-hessen.de
Text und Foto: M. Massier