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Was das Programm "QuABB" im Vogelsberg leistet - Ein Resümee nach der ersten Förderperiode

"Ein gerettetes Ausbildungsverhältnis kommt allen Beteiligten zugute"

Thomas Schaumberg, Marian Mattner, Holger Arnold und Friedhelm Walther zeigten sich erfreut über die Wirkung von QuABB; Foto und Text:Traudi Schlitt

VOGELSBERG (pm). Der Ausbildungsmarkt boomt – Unternehmen suchen heute in fast allen Branchen Auszubildende. Die haben oft die Qual der Wahl und werden mitunter dennoch nicht auf den ersten Blick glücklich: Laut dem Bundesinstitut für Berufsbildung lag die Abbruchquote von dualen Ausbildungsverhältnissen in Hessen im Jahr 2015 bei ca. 23%. Viel zu viele – denn sowohl für die Auszubildenden als auch für die Ausbildungsbetriebe bringt ein vorzeitiges Ende der Ausbildung einige negative Folgen mit sich: Für die jungen Menschen ist es ein Bruch in der Erwerbsbiographie mit der Gefahr, ohne Ausbildung zu bleiben und somit schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Für den Arbeitgeber bringt ein frühzeitiger Ausstieg eines Auszubildenden schlechte Publicity unter anderen eventuellen Bewerbern, dazu kann er mit Kosten in Höhe von bis zu 8.000 Euro verbunden sein. Als Dritte im Bunde leiden die Berufsschulen unter zu hohen Abbrecherzahlen. Grund genug also, gefährdete Ausbildungsverhältnisse in den Fokus zu nehmen, gemeinsam mit den Beteiligten Lösungsansätze zu suchen und präventiv zu arbeiten, also bereits dann zur Stelle sein, wenn das Arbeitsverhältnis noch besteht und somit auch noch gerettet werden kann.
Genau das ist die Aufgabe von "QuABB“, dem Programm "Qualifizierte Ausbildungsbegleitung in Betrieb und Berufsschule“. Das Programm der Hessischen Landesregierung hat seit seiner Einführung im Jahr 2009 mehr als 9.000 Auszubildende begleitet und beraten und läuft aktuell an mehr als hundert hessischen Berufsschulen. Nach den bisherigen Erfahrungen lässt sich eine Erfolgsquote von 83% durch die QuABB-Beratung verzeichnen: 75% der Auszubildenden setzen ihre Ausbildung anschließend fort, 8% hatten diese zum Beratungszeitraum bereits erfolgreich abgeschlossen, berichtet Marian Mattner. Der Dipl.-Pädagoge betreut das Projekt bei der Vogelsberg Consult Gesellschaft für Regionalentwicklung und Wirtschaftsförderung mbH, die ihrerseits Trägerin des Projektes ist, seitdem dieses im Jahr 2016 auch im Vogelsberg an den Start ging. "Die QuABB-Beratung ist für Auszubildende und Betriebe kostenlos, und ich unterliege selbstverständlich der Schweigepflicht“, führt der Berater aus. Zielgruppe des Beratungsangebotes sind alle Auszubildenden, die im Vogelsbergkreis wohnen, ihren Ausbildungsplatz haben oder zur Berufsschule gehen, sowie Vogelsberger Ausbildungsbetriebe.
"QuABB funktioniert in Zusammenarbeit mit den Ausbildungsbetrieben, den zuständigen Kammern, dem Jugendamt, verschiedenen lokalen Netzwerkpartnerinnen und -partnern, Ämtern und Behörden im Kontext der beruflichen Ausbildungsförderung und natürlich mit den Berufsschulen“; erläutert Mattner, der sowohl in der Vogelsbergschule in Lauterbach als auch in der Max-Eyth-Schule in Alsfeld – den beiden Berufsschulen des Kreises – ein Büro hat, in dem er regelmäßige Sprechstunden für Auszubildende anbietet. In der ersten Förderperiode – von Januar 2016 bis Dezember 2017 - konnte er in mehr als hundert Gesprächen fast 40 Auszubildende beraten, ein Drittel der jungen Leute hatte bereits gekündigt oder stand kurz davor. In den allermeisten Fällen konnte man zusammen mit den Auszubildenden und den Betrieben eine Lösung finden.
Wichtigster Partner für das QuABB-Angebot vor Ort sind die Lehrkräfte in den Berufsschulen, die in den meisten Fällen diejenigen Auszubildenden an Mattner verweisen, deren Ausbildungsverhältnis aus verschiedensten Gründen zu scheitern droht. "Wir werden natürlich auch auf Initiative von Ausbildungsbetrieben aktiv“, bietet Mattner an. QuABB reiht sich als wichtiges Element in das Beratungssystem des Kreises ein und vermittelt als Netzwerkpartner bei Bedarf auch an andere Stellen weiter. Für die Schulen ist dieses Angebot aus vielerlei Gründen ein Gewinn, wie Holger Arnold, Schulleiter der Vogelsbergschule, und Friedhelm Walther, Schulleiter der Max-Eyth-Schule, im Gespräch unisono kundtun. Gemeinsam mit Mattner und Thomas Schaumberg, Geschäftsführer von Vogelsberg Consult, zogen sie ein positives Resümee nach zwei Jahren QuABB:
"Jedes gerettete Ausbildungsverhältnis kommt allen Beteiligten zugute“, so die Erfahrung von Arnold, der die Berufsschulen im Verbund mit den Ausbildungsbetrieben als Mitgestalter der Fachkräftesicherung ansieht und betont, wie wichtig gerade diese für die regionale Infrastruktur ist. "Das Beratungsangebot von QuaBB entlastet die Schulen ungemein, sowohl qualitativ als auch quantitativ“, führt Walther aus. Vor der Einführung des Programms im Vogelsberg mussten Lehrkräfte solche Problemlagen auffangen und bearbeiten. "Wir sind nach den Erfahrungen der letzten beiden Jahre sehr froh, dass wir dies nun den Fachleuten überlassen können.“ Beide Schulleiter sehen Tendenzen, nach denen junge Leute schneller bereit sind, ein Ausbildungsverhältnis zu beenden. "Es mag Fälle geben, wo eine vorzeitige Auflösung eines Vertrags angeraten ist, in den meisten Fällen aber ist es sinnvoll, Möglichkeiten für eine Weiterführung zu suchen und zu finden“, sind sie sich einig. Dafür sei es aber auch wichtig, präventiv vorzugehen und nicht erst zu handeln, wenn die Kündigung schon vollzogen sei.
"Die Lehrkräfte werfen an beiden Schulen grundsätzlich ein gutes Auge auf die Auszubildenden und können Gefahren in der Regel frühzeitig erkennen“, beschreibt Marian Mattner die Rolle der Lehrerinnen und Lehrer, die die jungen Leute dann an ihn weitervermitteln. QuABB bietet mit seiner Neutralität im lokalen Beratungssystem aber noch einmal zusätzliche Unterstützungsmöglichkeiten für alle Beteiligten an. Mitunter müssten die Azubis, die häufig mit betrieblichen Problemen zu ihm kommen, "einfach einmal Dampf ablassen“, so Mattner. "Viele trauen sich aus Angst vor Konsequenzen im Ausbildungsbetrieb nicht, dort über Dinge zu sprechen, die sie stören. Einerseits müssen die Auszubildenden natürlich ihre Rechte kennen und so gestärkt werden, dass sie diese auch mitteilen und einfordern können“, erklärt der Pädagoge. Andererseits müsse man die jungen Leute aber auch für ihre Pflichten als Arbeitnehmer sensibilisieren – mit dem Schritt in die Arbeitswelt verließen sie vertrautes Terrain und müssten ihre Rolle oft selbst erst finden. Ganz wichtig ist dabei natürlich auch der Dialog mit den Ausbildungsbetrieben. Der gute und vertrauensvolle Umgang beider Schulen mit den Unternehmen der Region ist hier von unschätzbarem Wert: "Wir sind persönlich sehr gut vernetzt“, unterstreicht Arnold, "das liegt natürlich zum einen an dem übersichtlichen Angebot an Ausbildungsbetrieben im Vogelsberg, zum anderen aber insbesondere daran, dass unsere Berufsschullehrer aus der Praxis kommen und ganz häufig in den Betrieben hier in der Region tätig waren.“
Thomas Schaumberg sieht in dem Beratungsnetzwerk, das im Bereich der beruflichen Bildung im Vogelsbergkreis aufgebaut wurde, die richtige Strategie, die auch der Region insgesamt sehr guttut. So wundert es nicht, dass der Tenor aller Beteiligten am Ende des Gesprächs einheitlich ist: Das Angebot von QuABB sollte den Schulen, Betrieben und Auszubildenden als Dauereinrichtung zur Verfügung stehen.

Infokasten QuABB:
Die hessische Landesregierung beabsichtigt mit diesem Programm, die Quote der faktischen Ausbildungsabbrüche in Hessen zu senken. Sie sieht dies als wichtigen Beitrag zur langfristigen Fachkräftesicherung. Die hessenweit verankerte Ausbildungsbegleitung an den QuABB-Standorten wird von der Koordinierungsstelle beim Institut für berufliche Bildung, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik begleitet und unterstützt. QuABB wird gefördert aus Mitteln der Europäischen Union – Europäischer Sozialfonds und aus Mitteln des Hessischen Ministeriums für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung.

02.08.2018