Stoff streift Kunst
Maß- und Modeschneiderinnen der MES verbinden Kunstepochen mit extravaganten Kreationen in Rot.
Ein signalroter Wollstoff, schneiderisch korrekt nach seiner Webart als Woll-Gabardine bezeichnet, ist der neue Stoff, aus dem die Träume der niveauvollen Alsfelder Modenschau sind.
In drei restlos ausverkauften Vorstellungen dieser bereits achten Modenschau an der Max-Eyth-Europaschule, präsentierten 64 angehende Mode- und Maßschneiderinnen aus drei Lehrjahren zusammen mit 13 Schülerinnen der EIBE-Textilgruppe begeisternde Kleidung zu stilistischen Schwerpunkten der bildenden Kunst.
Dabei fiel den mehr als 900 Gästen bei allen gezeigten Kleidungsstücken oder Accessoires immer wieder das Signalrot des verwendeten Wollstoffs ins Auge.
Claudia Galetzka, Direktorin der Max-Eyth-Schule eröffnete die Modenschau und schon begannen die Alsfelderinnen, regelrechte Kunstwerke auf den Laufsteg zu zaubern.
Abwechslungsreich und kurzweilig moderiert von der Auszubildenden Evelyn Wunder, entstiegen die Models in kleinen Gruppen einem überdimensionalen vergoldeten Bilderrahmen und schwebten in ihren eigenen Kreationen förmlich über den Laufsteg.
Modische Fusionen und Experimetelles
von Picasso bis Popart
Der Surrealismus Picassos oder Miros sollte dabei genauso modisch umgesetzt werden, wie die Popart der fünfziger Jahre oder minimalistische Kunstauffassungen.
Eine Aufgabe, der sich die Auszubildenden mehr als gewachsen zeigten und deren stoffliche Umsetzungen vom Publikum mitunter mit Standing Ovations honoriert wurden.
Den Anfang machten stoffliche „Fusionen“, bei denen Kunststile der letzten Jahrhunderte mit heutigen modischen Ausdrucksformen gemischt wurden.
Es folgte „experimentelle“ Mode. Hier präsentierten die Schüler/innen Kleider-Kreationen, die alle ein nicht-textiles Material enthielten. Das Publikum honorierte z. B. Outfits mit integriertem Duschvorhang oder Modelle, die mit Seiten aus Comicheften eine besondere Note erhielten, mit lang anhaltendem Applaus.
Zur Musik von Björk präsentierten sich vor einem Hintergrund aus Action-Painting jeweils die modischen Arrangements in Gruppen.
Nichts überließen die Alsfelder Auszubildenden und ihre Lehrerinnen dabei dem Zufall, denn zu den Klängen Paul von Dyks präsentierte die Gruppe „Volumen und Formen“ Modelle, die mit extravaganten Silhouetten und voluminösen Stoffdrapierungen von den Models gekonnt in Szene gesetzt wurden.
Und immer dabei der rote Faden aus Woll-Gabardine, der sich in Form von Taschen, Bändern, Gürteln oder anderen Accessoires durch die gesamte Präsentation der hohen Alsfelder Schneiderkunst zog.
Stofflicher Minimalismus in Rot
Einer ganz besondere Herausforderung sah sich die „minimalistische“ Gruppe gegenüber, denn sie mussten ihr Outfit komplett aus dem signalroten Woll-Gabardine fertigen. Eine scheinbare Einschränkung kreativer Möglichkeiten, die sich jedoch als Katalysator schöpferischer Eleganz erwies, denn die besondere Wirkung einfarbiger Kreationen wissen moderne Modeschöpfer längst zu schätzen.
Bei den atemlos schönen Kreationen in Rot, die nun präsentiert wurden, stockte so mancher Zuschauerin beinahe der Atem.
Trotz teilweise heftigen Lampenfiebers offenbarten die 77 Alsfelder Models für einen Tag kaum eine sichtbare Spur von Nervosität auf dem Laufsteg.
Kleidung als Kunstwerk
Nur erahnen lässt sich für den Betrachter der Kleidungsstücke die Arbeit von bis zu 500 Stunden, die in solchen Kleidungskunstwerken steckt. Von der Idee über erste Zeichnungen bis hin zum Kleidungsstück für die Puppe ist es ein langer Weg, und auch die reinen Materialkosten bewegen sich nicht selten jenseits der 150 Euro.
Je nach Ausbildungsjahr bekommen die angehenden Maß- und Modeschneiderinnen technische Vorgaben und handwerkliche Techniken vorgeschrieben, die im Rahmen der Alsfelder Modenschau umzusetzen sind. Das Modenschau-Outfit des 3. Ausbildungsjahres mit der Fertigung eines Blazers bzw. Mantels, zu dem Rock, Hose oder Kleid getragen wurden, hatte in vielen Modellen bereits das fachliche Niveau eines Gesellenstücks erreicht.
Während der eigene Modenschauentwurf dabei selbstverständlich in die Fachpraxisnote einfließt, ist das persönliche Laufstegerlebnis ein emotionaler Lernfortschritt, den keine Bewertung ausdrücken kann.
Max-Eyth-Schule als modischer Organismus
Jedes der gefertigten Modelle ist ein Unikat und um den Prozess vom Entwurf bis zur Maßanfertigung besser nachvollziehen zu können, war das gesamte Foyer der Max-Eyth-Schule mit den wunderschönen Präsentationszeichnungen dekoriert.
In dieser mit übergroßen Schneiderwerkzeugen aus Pappmaché liebevoll gestalteten Atmosphäre informierten sich die zahlreichen Modenschaugäste auch nach der perfekten Show noch ausführlich über die einzelnen Kleidungsstücke, Nähtechniken und Modellzeichnungen.
Kulinarisch blieben ebenfalls nur wenige Wünsche offen, denn das Team vom Café Sonne und die EIBE-Fachpraxisgruppe Ernährung erledigten ihre Aufgabe gewohnt professionell.
Ihr Angebot reichte dabei von einem abwechslungsreichen Frühstück und Mittagessen für die Models bis zu Canapés und Fingerfood am Abend. Nachmittags konnte man sich außerdem am reichhaltigen Kuchenbuffet stärken.
Die gesamte Dekoration, die Programmhefte und auch die Plakate wurden in der Schule selbst hergestellt. Laufsteg, Goldrahmen und Bühnenkonstruktion fertigten die EIBE-Fachpraxisgruppen Holz.
Die 90-minütige Modenschau mit Eventcharakter wurde den hohen Ansprüchen der Alsfelder Ausbilderinnen absolut gerecht, weil es gelang, Mode und Kunst eindrucksvoll miteinander zu verbinden.
Eine Leistung, die jedes Jahr nur durch das hervorragende produktive Miteinander innerhalb der gesamten Max-Eyth-Schule möglich wird.
Text Stefan Steiner Bilder Dr. Christoph Stüber
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