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2008

Geschichtsunterricht mal anders

Lebendige Stadtführung für Schülerinnen und Schüler: Auf den Spuren der Juden in Alsfeld

Der Stadtführer Heinrich Dittmar bei seinen Erläuterungen

Am Freitag, dem 6. Juni 2008 führte ein Geschichtskurs der Stufe 12 des Beruflichen Gymnasiums der Max-Eyth-Schule im Rahmen des Geschichtsunterrichtes eine Stadtführung auf den Spuren der Juden in Alsfeld durch.

Heinrich Dittmar, Mitarbeiter des Regionalmuseums, begrüßte die Schülerinnen und Schüler auf dem Marktplatz und begann seine Führung vor der Walpurgiskirche. Anschließend folgten die Schülerinnen und Schüler ihm vor das evangelische Pfarramt, wo sich eine gute Gelegenheit bot, über die Haltung der christlichen Kirchen gegenüber den Juden zu sprechen. Auch wurde auf ein ehemals jüdisches Wohnhaus verwiesen. Hier lebte die letzte Alsfelderin jüdischen Glaubens, die 1942 wegzog, deportiert und ermordet wurde. Dittmar habe schon mehrmals angeregt, hier und vor anderen Häusern von Alsfelder Holocaust-Opfern Stolpersteine zu verlegen doch sei bei der Stadt bisher auf taube Ohren gestoßen. Ein Stolperstein ist ein größerer Pflasterstein aus Messing mit einer Gravur über jüdische Familien, der dazu dienen soll, die jüdischen Bewohner nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Weitere Informationen zu dieser Aktion

Juden lebten seit ca. 1300 in Alsfeld. Meist durften sich immer nur fünf Judenfamilien in Alsfeld niederlassen. Sie waren unter anderem als Geldhändler tätig und galten als sehr strebsam und intelligent. Sie waren im wirtschaftlichen Bereich als Geschäftsleute sehr erfolgreich. Um 1350 ging die erste Alsfelder Judengemeinde zugrunde. Schon damals gab es eine Synagoge in der Stadt, von der leider nichts bekannt ist. Vor der Enggasse erläuterte Dittmar die Bedeutung der früheren Judenghettos, die im Mittelalter in Venedig erstmals entstanden. Dann führte er die Gruppe zum Grabbrunnen mit dem Judenbad und zur Synagoge, die sich von 1830 bis 1905 in der Metzgergasse befand.

Heinrich Dittmar zog durch auflockernde Anekdoten die Aufmerksamkeit der interessierten Schülerinnen und Schüler auf sich. So beispielsweise auch mit der Anekdote über den jüdischen Händler mit den Initialen "LL". Kinder machten sich oft in der Öffentlichkeit über ihn lustig, und statt dies zu verhindern, sah er es als Werbung für sich an. Sein Motto: "Eisen, Lumpen und Papier, kauft bei LL Rothschild, Roßmarkt vier." Herr Dittmar variierte seinen kurzweiligen und informativen Vortrag während der gesamten Führung mit solch auflockernden Geschichten, führte aber natürlich auch die sehr ernsten geschichtlichen Fakten an. Ein beklemmendes Beispiel aus der Zeit im NS-Regime stellte das Schicksal eines ehemaligen Bankdirektors in der Mainzergasse dar: Dieser sehr angesehene Alsfelder Bürger habe sich erhängt, weil er "über Nacht" zu einem "nichtsnutzigen Juden" degradiert wurde und dies nicht verkraftete.

Einen runden Abschluss stellte die Besichtigung von Thorarollen im Regionalmuseum dar. Der engagierte Stadtführer selbst pflegt fast weltweit Kontakte zu ehemaligen Alsfelder Juden und Freunden, die sich ebenfalls leidenschaftlich der Geschichte unserer jüdischen Vergangenheit widmen. Mit dieser gelungenen, informativ lebendigen Führung hinterließ Herr Dittmar an diesem Freitag Morgen Spuren in den Köpfen der begeisterten Schülerinnen und Schüler, die sich im Anschluss bei dem Stadtführer bedankten.

Quelle: T. Caspar

17.06.2008