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2003

"Aus dem Schatten der Verdrängung herausgetreten"

Friedemann G. Bierig referiert vor Max-Eyth-Schülern über Verbrechen des Nationalsozialismus - "Die Vergangenheit will nicht vergehen"

Friedemann G. Bierig bei seinem Referat vor den Schülern

Fand aufmerksame Zuhörer: Friedemann G. Bierig bei seinem Referat vor den Schülern der Max-Eyth-Schule

Pressespiegel: Oberhessische Zeitung vom 13.05.2008

ALSFELD (la). "Haben Sie mal zu Hause in Ihrer Familie nachgefragt?", so die Anregung von Friedemann G. Bierig bei seinem Vortrag "Tatort Europa - Warum die alten Männer schweigen" am Freitag in der Max-Eyth-Schule. Der zeithistorische Vortrag thematisierte die Verbrechen der Nazis und deren unzureichende Aufarbeitung durch die bundesdeutsche Justiz. Immer wieder wurde die massive Verstrickung Nazi-Deutschlands und seiner Bevölkerung in die schrecklichen Verbrechen jener Zeit durch Berichte von Zeitzeugen dokumentiert, so mit der Erzählung eines alten Dorfladeninhabers, der mit eigenen Augen gesehen habe, wie reihenweise von Angehörigen seiner Truppe im Osten Zigeuner in einem See erschossen worden seien. Dabei habe der alte Mann geweint: "Das habe ich noch niemandem erzählt."

Friedemann G. Bierig, 59-jähriger Journalist, Fotograf und "Erinnerungsarbeiter", war viele Jahre Zeitschriften- und Tageszeitungsredakteur und bereist seit 1980 Polen, ist im Vorstand der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Dillenburg und Mitglied der Deutsch-Polnischen Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland.

Bierig referierte zum Tag der Befreiung vom Faschismus am 8. Mai und zum Europatag am 9. Mai im Rahmen der Europawoche 2008 an der Max-Eyth-Schule vor rund 50 Schülern der Jahrgangsstufe 13. Den aufmerksam lauschenden Schülern verdeutlichte er unter Einbindung von Zeitzeugen "die schwer schuldbeladene, insbesondere deutsche Vergangenheit: Sie will nicht vergehen." Deutsche in Uniform und in Zivil hätten "gehorsam und radikal" befolgt, was Hitler vorher SS-Führern verkündet habe. Dass sich aber auch vereinzelt das Gewissen in der deutschen Wehrmacht zu Wort meldete, auch das ließ Bierig nicht unerwähnt, so dokumentiert durch den Brief Generalmajor Stiefs an seine Frau: "Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein." Stief sei als Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 ermordet worden.

Bierig ging auch auf die Schuldbeladenheit der deutschen Wehrmacht - "Wehrmacht begrüßt Maßnahmen" - und vor allem der SS ein, aber auch weiterer Teile der Bevölkerung ein. Denunzierungen der "Nachbarn von nebenan" seien nichts Außergewöhnliches gewesen. Gemordet hätten auch Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern in den Behindertenanstalten. Völlig freie Hand gegen andere Menschen hätten die Wachmannschaften in den Gefangenenlagern der Wehrmacht gehabt.

Die Auflistung von Tatorten und Tätern sei erschreckend, stellte Bierig fest. Aber nur so würden die Ausmaße der Verbrechen deutlich. Zu den Opfern zählten sechs Millionen Juden und fünf Millionen so genannter Untermenschen und Nazigegner in aller Vielfältigkeit. Zehn Millionen Menschen seien Zwangsarbeiter gewesen. Von den "mörderischen Zivilverwaltern im Osten" sei kein einziger belangt worden. Bei der mangelnden juristischen Aufarbeitung all dieser Verbrechen gehe es immer um Straftaten einzelner Individuen, sagte Bierig - "in Uniformen, in Zivil". Es gehe um Opfer aus über 50 Ländern. Viele Täter seien wegen Verjährung von einer Strafverfolgung verschont geblieben, aber auch, weil Tatzeugen geschwiegen hätten. Die Öffentlichkeit müsste mit Entsetzen reagieren, so sei er überzeugt, würde man die heimischen Archive öffnen.

Vielleicht hätten die Täter überhaupt keine Schuld empfunden. Wo keine Schuld gefühlt werde, müsse und könne auch keine Verdrängung erfolgen. Erst recht wachse auch kein Gefühl der Reue. Zu kritisieren sei, dass die Ermittlungen zu spät eingesetzt hätten. Es habe zu wenige Prozesse gegeben, die Urteile seien zu mild gewesen. Die Zahl der rechtskräftig verurteilten Täter sei in Relation zu den bekannt gewordenen Verbrechen und den Ermittlungsverfahren verschwindend gering, stellte Bierig fest. Nur etwa ein halbes Prozent der Täter habe vor Gericht gestanden. Dass es eine Million oder mehr Täter gegeben habe, dies könne nicht bewiesen, aber auch nicht ausgeschlossen werden: "Ans Licht kam nur die Spitze des Eisbergs."

Zwar seien in der Bundesrepublik gegen 106 496 Personen Vorermittlungs- und Ermittlungsverfahren eingeleitet worden. Nur 6495 Angeklagte seien rechtskräftig wegen NS-Verbrechen verurteilt worden. Diese unzureichende Relation bezeichnete er als "erschreckend".

Als vermutlich letzten Prozess der deutschen Justiz zu Verbrechen und Verbrechern der NS-Zeit führte Bierig den des letzten lebenden Aufsehers des Gestapogefängnisses Theresienstadt, des Österreichers Anton Malloth, genannt "der schöne Toni", an, der nach dem Krieg in Österreich untergetaucht sei. Er schilderte den grotesk anmutenden, schleppenden Ermittlungsverlauf gegen den SS-Scharführer nach dessen Ausweisung nach Deutschland. Gegen den inzwischen 89-Jährigen sei im Mai 2001 in München wegen Mordes und versuchten Mordes eine lebenslange Freiheitsstrafe verhängt worden. Dass ausgerechnet Richter Hanreich, dessen Vater im NS-Staat Richter in Leitmeritz gewesen sei, das Urteil verkündet habe, habe Efraim Zuroff vom Simon Wiesenthal-Zentrum als ein "wichtiges Symbol des Wandels" bezeichnet. Dieses Urteil sage viel über das heutige Deutschland und bringe "eine traurige Geschichte zu einem besseren Ende."

Die Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg habe Ende 2007 nur noch 24 Vorermittlungsverfahren bearbeitet, bilanzierte Bierig. Es werde wohl keinen Prozess mehr wegen Nazi-Verbrechen geben, "obwohl noch Täter leben".

Nicht nur Behörden seien auf Spurensuche und würden fündig, sagte der Referent. Wenn Menschen nach dem Tod der Eltern auf dem Dachboden gekramt hätten, finde man dort Briefe und Aufzeichnungen, oder auch "hübsche, schwere, silberne Kerzenleuchter mit dem David-Stern". Andere wiederum beschäftige die Frage, warum beispielsweise der alte Vater "so schrecklich schwer von der Welt lassen konnte, warum er in Albträumen schrie."

Mit einem Zitat des ehemaligen stellvertretenden Leiters der Zentralstelle in Ludwigsburg, des Richters Herbert Schneider, schloss Friedemann Bierig sein von den Schülern mit viel Beifall aufgenommenes Referat. Man habe den Eindruck, dass jetzt nach so langer Zeit eine neue Generation die Kraft habe, sich den Fakten zu stellen, sie wissen wolle und sich mit ihnen auseinandersetze. Eindrucksvoll sei dabei vor allem die Ernsthaftigkeit der Recherchen. "Was wir so lange vermisst hätten, sei jetzt unübersehbar aus dem Schatten der Verdrängung herausgetreten." Genau hinzuschauen - auf Vergangenheit und Gegenwart - sei unsere Pflicht in einer freiheitlichen Gesellschaft.

Quelle: Oberhessische Zeitung vom 13.05.2008

 

13.05.2008